Extremsituationen
Es ist selten so, dass ich überrascht davon bin, wenn die Extremsituation eintritt. Meistens ist es sogar eher so, als wenn eine Spinnerei nach dem Motto "was wäre wenn..." gerade real würde. Mit dem Gedanken habe ich immer schon gespielt. Irgendetwas macht ihn so attraktiv, dass ich mich promt hineinbegebe in diese Welt, und den Sturm, das Erdbeben und den Krieg miterlebe.
Sturm
Sieben Tage lang hält er an. Es ist weniger seine Stärke, die ihn so furchtbar macht, sondern seine Kontinuität. Alles bricht zusammen und kann nicht mehr aufgebaut werden, die ganze Infrastruktur. Nach sieben Tagen geht es nur noch ums nackte Überleben. In dem Haus, in dem ich mich befinde, sind nur Menschen, die ich nicht kenne. Wir sind relativ willkürlich hier zusammen gekommen, alle in der Intention, ihr Leben zu retten. Dieses Haus hat zwei Wände, eine äußere und eine innere, das heißt es ist eins der letzten, die noch effektiven Schutz bieten. Bei tagelangem Sturm erodieren die Gebäude einfach dahin. Sieben Tage sind es jetzt schon, und ich kenne hier niemanden. Wir sind nicht gerade freundlich miteinander. Aber wir versuchen, alle zusammen zu überleben.
Erdbeben
Es geschah relativ plötzlich. Das große Haus in dem ich mich befinde, zittert und wird von Stößen erschüttert, gleichzeitig sagen sie im Radio eine Erdbebenwarnung für unsere Stadt durch. Ich weiß, dass ich so schnell wie möglich aus dem Haus raus muss. Die Fußböden stürzen zuerst ein, werden teilweise nur noch durch den Fußbodenbelag gehalten. Da ich leicht bin, stürze ich nicht ein, und schaffe es bis zur Tür, ins Treppenhaus, runter, raus in den Garten. Dort treffe ich meine Eltern und den jüngeren meiner beiden Brüder und bin heilfroh darüber. Wir machen uns Sorgen um meinen anderen Bruder, der noch irgendwo im Gebäude sein muss. Wir müssen herunterkommenden Trümmern und umstürzenden Bäumen ausweichen. Wir sehen, wie eine Wand des Hauses herabstürzt. Ein Bekannter, der noch ganz oben war, stürzt mit ihr ab und wird unter den Trümmern begraben. Danach taucht mein anderer Bruder zum Glück unversehrt auf. In der Stadt wird der Katastrophenschutz aktiv.
Krieg
Der Krieg verlagert sich sehr schnell auch in unsere Stadt. Die Zivilbevölkerung nimmt zum Großteil in irgendeiner Form daran teil, an der Versorgung, in den Lazaretten, oder als Soldaten. Ich aber nicht. Ich sehe zu, dass ich mich durchschmuggele, und möglichst schnell den Kriegsschauplatz verlasse. Auch wenn die Soldaten meine Landsmänner sind, sind sie meine Feinde. Das ist nicht mein Krieg. Ich möchte hier nur schnell heil wieder raus.
Ich lerne einen Postboten kennen, der meinen Vater kennt, und ihm eine Nachricht von mir schickt. Ich weiß nicht, wo meine Familie ist, ich habe zu Beginn des Krieges den Kontakt verloren. Der Postbote bringt mir ein selbstgebackenes Brot von meinem Vater mit, an dem eine Nachricht hängt, in der er mir schreibt, wo sie sind. Sie haben ein Versteck im Wald.
Möglichst unauffällig versuche ich das Versteck zu erreichen. Ich finde es auch, und bin überglücklich, in der Nähe meiner Familie zu sein. Aber unser Versteck wird schnell gefunden. Der Wald wird durchforstet von Soldaten und anderen Zivilisten. Ein LKW hält in unserer Nähe an. Wir wissen, dass er aus keine guten Absichten hier ist. Ich überwältige den Fahrer, und locke den Hund im LKW mit Stücken von dem Brot, das mein Vater mir gebacken hatte, heraus. Mit dem LKW flüchten wir, den kleinen Jungen, den wir nicht kannten, der aber niemanden mehr hat, nehmen wir mit. Ich passe auf ihn auf.
Später werden wir wieder getrennt. Meine Eltern und meine Brüder geraten unter Beschuss. Ich bin etwas abseits und habe die Gelegenheit, mich unbemerkt von hinten an den Soldaten anzuschleichen, der meine Familie unter Beschuss hält. Ich halte ihm meine Waffe an den Rücken und sage ihm, er soll das Feuer einstellen. Als er meine Warnung nicht ernst nimmt, schieße ich ihm in die Schulter. Wir können fliehen.
Erwachen
Das Erwachen von solchen Träumen ist nicht schön. Diese Art von Traum ist anstrengend. Und ich träume das nicht aus einer blühenden Fantasie heraus, sondern aus einer inneren Unruhe. Ich komme ganz gut durch, aber ich bin der Sache nicht Herr. Ich bin getrieben und ständig auf der Flucht, in Extremsituationen. Fluchträume sind nur provisorisch und auf Zeit. Und ich kenne keine bessere Möglichkeit, als abzuwarten, zu flüchten und zuzusehen, dass ich meine Haut rette. Von Tag zu Tag, von Unterschlupf zu Unterschlupf. Ich weiß es gerade nicht besser...

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