2009-03-29

Als die Hyäne begann, eine Zivilisation zu errichten

Der Gorilla Ismael versucht seinem erwachsenen menschlichen Schüler beizubringen, wie unsere Zivilisation das ökologische Gleichgewicht stört. Gleichzeitig soll der Schüler lernen, dass sowas nicht nur der Mensch kann, sondern jede Art, vorausgesetzt sie ist etwa so klug und willenstark wie der Homo sapiens sapiens.


"Wie du gesagt hast, würde die Lebensgemeinschaft auf der Erde zerstört werden, wenn sich alle Arten außerhalb der Wettbewerbsregeln stellten, die durch dieses Gesetz festgelegt werden. Aber was wäre, wenn nur eine Art das tun würde?"
"Du meinst, eine andere Art als der Mensch?"
"Ja. Natürlich müsste sie fast so klug und willensstark sein wie der Mensch. Stell dir vor, du wärst eine Hyäne. Warum sollst du deine Beute mit den faulen, despotischen Löwen teilen? Es passiert immer wieder: Du tötest ein Zebra, und ein Löwe kommt seines Weges, vertreibt dich und frisst selbst, während du auf die Reste warten musst. [...] Du hast also genug vom Löwen. Was tust du?"
"Ich bringe sie um."
"Und die Folge davon?"
"Na ja ... keinen Ärger mehr."
"Von was lebten die Löwen?"
"Von Gazellen, Zebras, von wilden Tieren eben."
"Jetzt gibt es keine Löwen mehr. Was bedeutet das für euch?"
"Ach jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst. Wir haben mehr zu fressen."
"Und wenn ihr mehr zu fressen habt?"
Ich sah ihn verständnislos an.
"Na gut. Ich dachte, das Abc der Ökologie sei dir bekannt. Wenn in der Natur das Nahrungsangebot einer Population steigt, wächst die Population. Wenn sie wächst, wird die Nahrung wieder weniger, und wenn sie weniger wird, schrumpft die Population. Diese Wechselwirkung zwischen Räuber- und Beutepopulation hält alles im Gleichgewicht."
"Das wusste ich schon. Ich habe im Moment nur nicht daran gedacht."
Ismael runzelte verwirrt die Stirn.
Ich lachte. "Also gut. Wenn die Löwen weg sind, haben wir Hyänen mehr zu fressen, und unsere Population wächst. Sie wächst, bis die Nahrung wieder knapp wird, dann schrumpft sie wieder."
"Unter normalen Umständen, ja. Aber ihr habt die Umstände verändert. Ihr habt beschlossen, dass das Gesetz, das den Wettbewerb regelt, nicht für Hyänen gelten soll." [...]
"Gut. Lass sehen. Wenn wir die Rivalen getötet haben, die uns das Essen wegfressen ... dann wächst unsere Population, bis die Tiere, die wir jagen, knapp werden. Da wir keine Rivalen mehr haben, die wir töten können, müssen wir dafür sorgen, dass diese Tiere sich vermehren ... Hyänen als Viehzüchter, wirklich ein komischer Gedanke."
"Ihr habt die direkten Rivalen umgebracht, die euch die Beute streitig machten, aber die Tiere, die ihr fresst, haben ihrerseits Rivalen, die ihnen das Gras streitig machen. Das sind eure Rivalen ersten Grades. Tötet sie, und eure Tiere haben mehr Gras."
"Stimmt. Mehr Gras für die Beutetiere bedeutet mehr Beutetiere, mehr Beutetiere bedeuten mehr Hyänen, mehr Hyänen... Wen können wir noch töten?"
Ismael zog nur die Augenbrauen hoch und sah mich fragend an.
"Wir können niemanden mehr töten."
"Überlege."
Ich überlegte. "Gut. Wir haben unsere direkten Rivalen und unsere Rivalen ersten Grades getötet. Jetzt können wir unsere Rivalen zweiten Grades vernichten - die Pflanzen, die mit dem Gras um Platz und Sonnenlicht konkurrieren."
"Richtig. Dann gibt es mehr Gras für die Tiere und mehr Tiere für euch."
"Lustig ... Für die Bauern ist das ja schon fast eine Kulthandlung. Vernichte, was du nicht essen kannst. Vernichte, was dir dein Essen wegnimmt. Vernichte, was nicht dazu beiträgt, dass du zu essen hast."
[...]

Ich habe das Buch inzwischen ausgelesen. Der nachfolger "The Story of B" ist schon bestellt. Das gibt's dann aber leider nur auf englisch. Zeit, mal wieder ein paar Klicks aus dem Ausland auf diesen Blog zu ziehen.

Es gibt übrigens sogar einen Wikipedia-Eintrag zu Danel Quinn und zu Ismael. Das Buch ist der erste Teil einer Tetralogie. Es folgen "The Story of B" (englisch), "Ismaels Geheimnis" und "Beyond Civilization: Humanity's Next Great Adventure" (englisch). Ein paar mir zitierenswert erscheinende Textstellen in "Ismael" gibt es aber noch.

2009-03-27

Der Höhepunkt der Evolution: Die Qualle

Und schon zitiere ich ihn wieder: Daniel Quinn in "Ismael". Bzw. die Figur Ismael (ein Gorilla) in "Ismael". Und zwar einen seiner Versuche, seinem Schüler (und natürlich dem Leser) durch einen grundlegenden Perspektivwechsel unseren eigenen Schöpfungsmythos bewusst zu machen:


Die folgende Geschichte (sagte Ismael) spielt vor einer halben Milliarde Jahre - vor einer undenkbar langen Zeit. Du hättest diesen Planeten damals nicht erkannt. Auf dem Land bewegte sich nichts außer Wind und Staub. Kein einziger Grashalm schwankte im Wind, nicht eine Grille zirpte, kein Vogel kreiste am Himmel. Das alles lag noch zigmillionen Jahre in der Zukunft. Sogar die Meere waren öde und verlassen, denn auch Wirbeltiere sollte es erst in zigmillionen Jahren geben.
Aber natürlich gab es einen Anthropologen, denn wo gäbe es den nicht? Unser Anthropologe war freilich zutiefst frustriert und deprimiert. Er hatte die ganze Erde nach einem lebendigen Wesen abgesucht, dem er seine Fragen stellen konnte, aber die Tonbänder in seinem Ranzen waren so leer wie der Himmel über ihm. Als er nun eines Tages tieftraurig am Meer entlangwanderte, entdeckte er im seichten Wasser plötzlich etwas, das aussah wie ein Lebewesen. Es war nichts Großartiges, mehr ein wabbeliges Etwas, aber es war das erste Lebewesen, dem er auf seinen Reisen begegnete, deshalb watete er zu der Stelle hinaus, wo das Ding in den Wellen auf und ab hüpfte.
Er begrüßte die Kreatur höflich und wurde seinerseits freundlich begrüßt, und bald waren die beiden gute Freunde. Der Anthropologe erklärte, so gut er konnte, dass er ein Erforscher von Sitten und Gebräuchen sei, und er bat seinen neuen Freund um entsprechende Auskünfte, die dieser auch bereitwillig erteilte. "Und jetzt", sagte der Anthropologe schließlich, "hätte ich gern noch in deinen eigenen Worten einige der Geschichten auf Band aufgenommen, die ihr bei euch erzählt."
"Geschichten?" fragte die Kreatur.
"Ja, zum Beispiel euren Schöpfungsmythos, wenn ihr einen habt."
"Was ist ein Schöpfungsmythos?"
"Ganz einfach", erwiderte der Anthropologe, "das ist das Märchen, das ihr euren Kindern über den Ursprung der Welt erzählt."
Bei diesen Worten richtete die Kreatur sich empört auf - so empört, wie ein wabbeliges Etwas sich eben aufrichten kann - und sagte, ihr Volk kenne kein solches Märchen.
"Ihr habt also nichts dergleichen?"
"Doch, selbstverständlich", sagte die Kreatur barsch. "Aber keinen Mythos."
"Nein, natürlich nicht", sagte der Anthropologe, dem verspätet einfiel, was er in seiner Ausbildung gelernt hatte. "Also, ich wäre dir schrecklich dankbar, wenn du mir diese Geschichte erzählen würdest."
"Na schön", sagte die Kreatur. "Aber lass mich eines klarstellen: Wir sind wir ihr rationale Wesen und glauben nur das, was durch Beobachtung, logisches Denken und wissenschaftliche Methoden gesichert ist."
"Selbstverständlich", sagte der Anthropologe beschwichtigend.
Dann begann die Kreatur endlich mit ihrer Erzählung. "Das Universum", sagte sie, "entstand vor langer, langer Zeit, vor ungefär zehn bis fünfzehn Milliarden Jahren. Unser Sonnensystem - also dieser Stern, dieser Planet, und all die anderen Sterne - dürfte vor zwei bis drei Milliarden Jahren entstanden sein. Lange Zeit gab es hier überhaupt kein Leben. Dann, nach ungefähr einer Milliarde Jahren, entstand das Leben."
"Entschuldige bitte", unterbrach der Anthropologe, "du sagtest eben, das Leben sei entstanden. Wo genau ist das eurem Mythos zufolge - ich meine, euren wissenschafltichen Erkenntnissen zufolge passiert?"
Die Kreatur schien durch diese Frage verwirrt, denn sie verfärbte sich zu einem blassen Lavendel. "Du meinst an welchem Ort genau?"
"Nein. Ich meine, ist das Leben auf dem Land oder im Meer entstanden?"
"Land?" fragte die Kreatur. "Was ist Land?"
"Ach so", sagte der Anthropologe und machte eine Handbewegung zum Ufer. "Das Ding aus Sand und Steinen da drüben."
Die Kreatur nahm ein tieferes Lavendel an und sagte: "Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Der Sand und die Steine da drüben sind lediglich der Rand der großen Schüssel, die das Meer zusammenhält."
"Natürlich", sagte der Anthropologe, "ich verstehe volkommen. Natürlich. Fahre fort."
"Also gut", sagte die Kreatur. "Viele hundert Millionen Jahre lang gab es auf der Welt nur Mikroorganismen, die hilflos in der Ursuppe schwammen. Dann entwickelten sich nach und nach komplexere Formen: Einzeller, Schleimbakterien, Algen, Polypen und so weiter. Und zuletzt" - und hier, am Höhepunkt ihrer Geschichte angelangt, wurde die Kreatur rosa vor Stolz - "kam die Qualle!"

Eine Geschichte, die schon von sich aus zum Nachdenken anregt. Bei wem sie das nicht tut, der kann sich vom Gorilla Ismael helfen lassen, der seinerseits ein wahrer meister der Mäeutik ist.

Wer weiterlesen will (was von mir wärmstens empfohlen wird), der durchforste die nächstgelegene Bibliothek oder Buchhandlung nach Danel Quinn: Ismael. 1992 München, C. Bertelsmann Verlag. (Oder Wilhelm Goldmann Verlag) ISBN-10: 3-442-42376-7 WG 2111 | ISBN-13: 978-3-442-42376-7

2009-03-19

Wrack

Ich find einfach das Bild sehr schön. Über die Umstände, wie ich es gefunden habe, möchte ich lieber nicht sprechen.


2009-03-09

Daniel Quinn - Ismael

Ich lese gerade "Ismael", ein Roman, in dem der Ich-Erzähler auf einen Lehrer stößt, der ihm mit einer einfachen, aber unvorbelasteten Sicht auf die Dinge seine eigene Gesellschaft und ihre Mythen näher bringt, von deren Existenz er bisher noch gar nichts wusste. Aber Ismael, der Lehrer, hat das Privileg, nicht dazu gezwungen zu sein, ihr anzugehören, denn er ist ein Gorilla.


Als Einführung soll der Schüler die Geschichte erzählen, warum er hier ist, warum die Welt so ist wie sie ist. Sein erster Versuch schildert ein Gefühl des eingesperrt seins und der Ohnmacht, die man empfindet, wenn man das Käfiggitter nicht erkennt.

"Als ich aufs College ging", sagte ich schließlich, "mußte ich in Philosophie einmal einen Aufsatz schreiben. Das Thema weiß ich nicht mehr genau - es hatte mit Erkenntnistheorie zu tun. Ich schrieb in etwa das Folgende: Die Nazis hatten den Krieg nicht verloren, sondern gewonnen, und waren mächtiger denn je. Sie eroberten die ganze Welt und eliminierten Juden, Zigeuner, Schwarze, Inder und Indianer. Dann, als sie damit fertig waren, eliminierten sie die Russen, Polen, Böhmen, Mähren, Bulgaren, Serben und Kroaten - alle Slawen. Dann taten sie dasselbe mit den Polynesiern, Koreanern, Chinesen und Japanern - mit allen asiatischen Völkern. Es dauerte lange, sehr lange, aber als alles vorbei war, war jeder Bewohner der Erde ein hundertprozentiger Arier, und die Menschen waren alle sehr, sehr glücklich.
In den Schulbüchern wurde natürlich von allen Rassen nur noch die arische genannt, von den Sprachen nur noch die deutsche, von den Religionen nur der Hitlerismus und von den politischen Systemen nur der Nationalsozialismus. Etwas anderes gab es ja nicht mehr. Und einige Generationen später hätte sowieso niemand mehr etwas anderes schreiben können, selbst wenn er es gewollt hätte, weil er von nichts anderem gewußt hätte.
Eines Tages unterhielten sich zwei Studenten der Universität Neu-Heidelberg in Tokio. Beide waren auf die landläufige arische Art schön, aber einer von ihnen sah bedrückt und unglücklich aus. Er hieß Kurt. 'Was fehlt dir, Kurt?' fragte sein Freund. 'Warum läufst du mit einer solchen Jammermiene herum?' 'Das kann ich dir sagen, Hans', sagte Kurt. 'Ich habe ein Problem, das mir zu denken gibt.' Sein Freund fragte, welches Problem das sei. 'Es ist so', sagte Kurt. 'Ich werde das blöde Gefühl nicht los, daß es ein kleines Detail gibt, in dem man uns belügt.'
Und so hört der Aufsatz auf."
Ismael nickte nachdenklich. "Und was hat dein Lehrer dazu gesagt?"
"Er wollte wissen, ob ich dasselbe blöde Gefühl hätte wie Kurt. Als ich bejahte, wollte er wissen, worin wir meiner Meinung nach belogen würden. Ich sagte: 'Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht mehr als Kurt.' Er glaubte natürlich nicht, daß ich das ernst meinte. Er hielt das ganze für eine Übung in Erkenntnistheorie.

"Ismael" heißt das Buch auch im englischen Original, geschrieben hat es Daniel Quinn. Wer es sich zulegen möchte: ISBN-10: 3-442-42376-7 WG 2111 | ISBN-13: 978-3-442-42376-7
Ich denke, ich habe auch nicht das letzte mal hier daraus zitiert.