Als die Hyäne begann, eine Zivilisation zu errichten
Der Gorilla Ismael versucht seinem erwachsenen menschlichen Schüler beizubringen, wie unsere Zivilisation das ökologische Gleichgewicht stört. Gleichzeitig soll der Schüler lernen, dass sowas nicht nur der Mensch kann, sondern jede Art, vorausgesetzt sie ist etwa so klug und willenstark wie der Homo sapiens sapiens.
"Wie du gesagt hast, würde die Lebensgemeinschaft auf der Erde zerstört werden, wenn sich alle Arten außerhalb der Wettbewerbsregeln stellten, die durch dieses Gesetz festgelegt werden. Aber was wäre, wenn nur eine Art das tun würde?"
"Du meinst, eine andere Art als der Mensch?"
"Ja. Natürlich müsste sie fast so klug und willensstark sein wie der Mensch. Stell dir vor, du wärst eine Hyäne. Warum sollst du deine Beute mit den faulen, despotischen Löwen teilen? Es passiert immer wieder: Du tötest ein Zebra, und ein Löwe kommt seines Weges, vertreibt dich und frisst selbst, während du auf die Reste warten musst. [...] Du hast also genug vom Löwen. Was tust du?"
"Ich bringe sie um."
"Und die Folge davon?"
"Na ja ... keinen Ärger mehr."
"Von was lebten die Löwen?"
"Von Gazellen, Zebras, von wilden Tieren eben."
"Jetzt gibt es keine Löwen mehr. Was bedeutet das für euch?"
"Ach jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst. Wir haben mehr zu fressen."
"Und wenn ihr mehr zu fressen habt?"
Ich sah ihn verständnislos an.
"Na gut. Ich dachte, das Abc der Ökologie sei dir bekannt. Wenn in der Natur das Nahrungsangebot einer Population steigt, wächst die Population. Wenn sie wächst, wird die Nahrung wieder weniger, und wenn sie weniger wird, schrumpft die Population. Diese Wechselwirkung zwischen Räuber- und Beutepopulation hält alles im Gleichgewicht."
"Das wusste ich schon. Ich habe im Moment nur nicht daran gedacht."
Ismael runzelte verwirrt die Stirn.
Ich lachte. "Also gut. Wenn die Löwen weg sind, haben wir Hyänen mehr zu fressen, und unsere Population wächst. Sie wächst, bis die Nahrung wieder knapp wird, dann schrumpft sie wieder."
"Unter normalen Umständen, ja. Aber ihr habt die Umstände verändert. Ihr habt beschlossen, dass das Gesetz, das den Wettbewerb regelt, nicht für Hyänen gelten soll." [...]
"Gut. Lass sehen. Wenn wir die Rivalen getötet haben, die uns das Essen wegfressen ... dann wächst unsere Population, bis die Tiere, die wir jagen, knapp werden. Da wir keine Rivalen mehr haben, die wir töten können, müssen wir dafür sorgen, dass diese Tiere sich vermehren ... Hyänen als Viehzüchter, wirklich ein komischer Gedanke."
"Ihr habt die direkten Rivalen umgebracht, die euch die Beute streitig machten, aber die Tiere, die ihr fresst, haben ihrerseits Rivalen, die ihnen das Gras streitig machen. Das sind eure Rivalen ersten Grades. Tötet sie, und eure Tiere haben mehr Gras."
"Stimmt. Mehr Gras für die Beutetiere bedeutet mehr Beutetiere, mehr Beutetiere bedeuten mehr Hyänen, mehr Hyänen... Wen können wir noch töten?"
Ismael zog nur die Augenbrauen hoch und sah mich fragend an.
"Wir können niemanden mehr töten."
"Überlege."
Ich überlegte. "Gut. Wir haben unsere direkten Rivalen und unsere Rivalen ersten Grades getötet. Jetzt können wir unsere Rivalen zweiten Grades vernichten - die Pflanzen, die mit dem Gras um Platz und Sonnenlicht konkurrieren."
"Richtig. Dann gibt es mehr Gras für die Tiere und mehr Tiere für euch."
"Lustig ... Für die Bauern ist das ja schon fast eine Kulthandlung. Vernichte, was du nicht essen kannst. Vernichte, was dir dein Essen wegnimmt. Vernichte, was nicht dazu beiträgt, dass du zu essen hast."
[...]
Ich habe das Buch inzwischen ausgelesen. Der nachfolger "The Story of B" ist schon bestellt. Das gibt's dann aber leider nur auf englisch. Zeit, mal wieder ein paar Klicks aus dem Ausland auf diesen Blog zu ziehen.


