Der Höhepunkt der Evolution: Die Qualle
Und schon zitiere ich ihn wieder: Daniel Quinn in "Ismael". Bzw. die Figur Ismael (ein Gorilla) in "Ismael". Und zwar einen seiner Versuche, seinem Schüler (und natürlich dem Leser) durch einen grundlegenden Perspektivwechsel unseren eigenen Schöpfungsmythos bewusst zu machen:
Die folgende Geschichte (sagte Ismael) spielt vor einer halben Milliarde Jahre - vor einer undenkbar langen Zeit. Du hättest diesen Planeten damals nicht erkannt. Auf dem Land bewegte sich nichts außer Wind und Staub. Kein einziger Grashalm schwankte im Wind, nicht eine Grille zirpte, kein Vogel kreiste am Himmel. Das alles lag noch zigmillionen Jahre in der Zukunft. Sogar die Meere waren öde und verlassen, denn auch Wirbeltiere sollte es erst in zigmillionen Jahren geben.
Aber natürlich gab es einen Anthropologen, denn wo gäbe es den nicht? Unser Anthropologe war freilich zutiefst frustriert und deprimiert. Er hatte die ganze Erde nach einem lebendigen Wesen abgesucht, dem er seine Fragen stellen konnte, aber die Tonbänder in seinem Ranzen waren so leer wie der Himmel über ihm. Als er nun eines Tages tieftraurig am Meer entlangwanderte, entdeckte er im seichten Wasser plötzlich etwas, das aussah wie ein Lebewesen. Es war nichts Großartiges, mehr ein wabbeliges Etwas, aber es war das erste Lebewesen, dem er auf seinen Reisen begegnete, deshalb watete er zu der Stelle hinaus, wo das Ding in den Wellen auf und ab hüpfte.
Er begrüßte die Kreatur höflich und wurde seinerseits freundlich begrüßt, und bald waren die beiden gute Freunde. Der Anthropologe erklärte, so gut er konnte, dass er ein Erforscher von Sitten und Gebräuchen sei, und er bat seinen neuen Freund um entsprechende Auskünfte, die dieser auch bereitwillig erteilte. "Und jetzt", sagte der Anthropologe schließlich, "hätte ich gern noch in deinen eigenen Worten einige der Geschichten auf Band aufgenommen, die ihr bei euch erzählt."
"Geschichten?" fragte die Kreatur.
"Ja, zum Beispiel euren Schöpfungsmythos, wenn ihr einen habt."
"Was ist ein Schöpfungsmythos?"
"Ganz einfach", erwiderte der Anthropologe, "das ist das Märchen, das ihr euren Kindern über den Ursprung der Welt erzählt."
Bei diesen Worten richtete die Kreatur sich empört auf - so empört, wie ein wabbeliges Etwas sich eben aufrichten kann - und sagte, ihr Volk kenne kein solches Märchen.
"Ihr habt also nichts dergleichen?"
"Doch, selbstverständlich", sagte die Kreatur barsch. "Aber keinen Mythos."
"Nein, natürlich nicht", sagte der Anthropologe, dem verspätet einfiel, was er in seiner Ausbildung gelernt hatte. "Also, ich wäre dir schrecklich dankbar, wenn du mir diese Geschichte erzählen würdest."
"Na schön", sagte die Kreatur. "Aber lass mich eines klarstellen: Wir sind wir ihr rationale Wesen und glauben nur das, was durch Beobachtung, logisches Denken und wissenschaftliche Methoden gesichert ist."
"Selbstverständlich", sagte der Anthropologe beschwichtigend.
Dann begann die Kreatur endlich mit ihrer Erzählung. "Das Universum", sagte sie, "entstand vor langer, langer Zeit, vor ungefär zehn bis fünfzehn Milliarden Jahren. Unser Sonnensystem - also dieser Stern, dieser Planet, und all die anderen Sterne - dürfte vor zwei bis drei Milliarden Jahren entstanden sein. Lange Zeit gab es hier überhaupt kein Leben. Dann, nach ungefähr einer Milliarde Jahren, entstand das Leben."
"Entschuldige bitte", unterbrach der Anthropologe, "du sagtest eben, das Leben sei entstanden. Wo genau ist das eurem Mythos zufolge - ich meine, euren wissenschafltichen Erkenntnissen zufolge passiert?"
Die Kreatur schien durch diese Frage verwirrt, denn sie verfärbte sich zu einem blassen Lavendel. "Du meinst an welchem Ort genau?"
"Nein. Ich meine, ist das Leben auf dem Land oder im Meer entstanden?"
"Land?" fragte die Kreatur. "Was ist Land?"
"Ach so", sagte der Anthropologe und machte eine Handbewegung zum Ufer. "Das Ding aus Sand und Steinen da drüben."
Die Kreatur nahm ein tieferes Lavendel an und sagte: "Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Der Sand und die Steine da drüben sind lediglich der Rand der großen Schüssel, die das Meer zusammenhält."
"Natürlich", sagte der Anthropologe, "ich verstehe volkommen. Natürlich. Fahre fort."
"Also gut", sagte die Kreatur. "Viele hundert Millionen Jahre lang gab es auf der Welt nur Mikroorganismen, die hilflos in der Ursuppe schwammen. Dann entwickelten sich nach und nach komplexere Formen: Einzeller, Schleimbakterien, Algen, Polypen und so weiter. Und zuletzt" - und hier, am Höhepunkt ihrer Geschichte angelangt, wurde die Kreatur rosa vor Stolz - "kam die Qualle!"
Eine Geschichte, die schon von sich aus zum Nachdenken anregt. Bei wem sie das nicht tut, der kann sich vom Gorilla Ismael helfen lassen, der seinerseits ein wahrer meister der Mäeutik ist.


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