Der Schädel - Ein virtueller Ausflug ins Kirschbachtal
Es ist 3 Uhr nachmittags und es fängt schon an zu dämmern. "Wenn's dunkel wird sieht das anders aus", hat mein Vater gesagt, und deswegen lass ich mich davon nicht beeindrucken und gehe raus. Ich werde noch Zeit genug haben, bis ich nicht mehr richtig sehe wo ich hintrete.
Die Welt draußen kann sich nicht entscheiden, ob sie winterlich oder herbstlich aussehen will. Teilweise ist Rauhreif auf den letzten Grasbüscheln, die am Fußweg stehen, aber die Pfützen auf dem Asphalt zeigen, dass es viel zu warm für das bisschen Schnee und Reif ist, was überall auf den Dächern und an den Stellen liegt, wo die Sonne nicht so oft hinkommt.
Außerhalb der Stadt scheint es kälter zu sein. Ich muss meine Jacke bis oben hin zuziehen, ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht und stecke die Hände in die Hosentaschen. Oben auf dem Hügel merke ich, dass mir der Brustkorb von der Kälte schmerzt.
Ich gehe langsamer. Es hilft nicht, und ich schaue nach links in das kleine Waldstückchen hinein, um einen Rastplatz zu finden, wo ich allein bin. Ich mag es nicht, wenn Menschen mich irgendwo scheinbar grundlos rumsitzen sehen. Ich mag es generell nicht, hier Menschen zu begegnen. Doch leider ist das Kirschbachtal eine hochfrequentierte Gassi-Geh- und Jogging-Route.
Als vor und hinter mir kein Mensch mehr ist, und der Hügel ein wenig flacher ist, gehe ich ins Unterholz hinein. Ich muss schnell meine Hände zu Hilfe nehmen, um den Hang durchs Gestrüpp hochklettern zu können. Ich küre mir einen umgestürtzter Baum als Rastplatz aus, um den bereits Büsche bis über 2 Meter Höhe gewachsen sind. Im Gestrüpp ist es nicht so kalt wie es am Wegrand gewesen wäre. Mein Atem beruhight sich langsam. Es tut gut. Unten auf dem Weg höre ich Menschen mit ihren Hunden vorbeiziehen. Hier können sie mich nicht sehen.
Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon sitze. Aber meine Gedanken sind am Rasen, huschen hier hin, dort hin, ich muss sie beruhigen, damit sie sich nicht selbst verhaspeln und keinen Sinn mehr machen. Ein Geräusch weckt meine Aufmerksamkeit. Links von mir raschelt etwas im Unterholz. Ich bleibe still sitzen und starre auf die Stelle, wo ich das Geräusch gehört habe. Das rot-weiß gemusterte Gesicht eines Fuchses taucht hinter dem Gestrüpp auf. Als er mich bemerkt, erstarrt er, und schaut erschreckt in meine Richtung. Wir schauen uns eine Weile so an. Ich freue mich, einen Fuchs zu Gesicht zu bekommen. Ich wusste nicht, dass es hier Füchse gibt. Ich habe schon lange keinen mehr gesehen. Ihre Zahl ist durch den Versuch, die Tollwut auszurotten, sehr dezimiert worden. Umso mehr freut es mich, jetzt wieder einen quasi vor der Haustür zu haben.
Der Fuchs weiß nicht, was er von mir halten soll, und huscht ins Unterholz zurück. Neugierig gehe ich zu der stelle, an der er stehengeblieben war, um zu schauen, was er hier getrieben hat. Erst sehe ich nichts, aber dann entdecke ich zwischen Frost und Schnee einen kleinen weißen Schädel. Ich nehme ihn aus dem Gestrüpp heraus und betrachte ihn. Er hat noch ein paar spitze Zähne, einen Unterkiefer gibt es nicht mehr. Die lange Schnauze weist auf einen Dackel oder einen Fuchs hin. Da ich es nicht für wahrscheinlich halte, dass irgendein Hundegänger hier seinen toten Hund liegen lässt, nehme ich stark an, dass es ein Fuchs-Schädel ist.
Hat der Fuchs ihn hier besucht? Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite. Mein naturwissenschaftlich ausgebildetes Denken sagt mir, dass dieser Fuchs hier nach etwas Essbarem gesucht hat, und ihm dieser Schädel völlig egal ist. Er ist nicht mehr für ihn als ein wertloser Stein. Wie alles hier. Eigentlich hat doch nichts eine Bedeutung. Das Gras, die Bäume, alles tote Materie. Die Welt ist einfach. Sie existiert einfach. Die einzigen, die dort Bedeutung hineininterpretieren, bei denen Totenschädel Emotionen auslösen, das sind doch wir. Wir Menschen wissen gar nicht mehr, was es bedeutet, Schädel Schädel sein zu lassen, und sich stattdessen lieber um etwas Essbares zu kümmern, um zu überleben. Wir belasten uns doch selbst. Dabei funktioniert unser Gehirn doch ähnlich wie das vom Fuchs. Für uns Bedeutsames nehmen wir wahr, Unbedeutendes wird sich selbst überlassen. Aber scheinbar haben wir den Umgang mit ignorierbaren Dingen verlernt. Wir müssen einfach nicht mehr ums Überleben kämpfen. Deswegen entdecken wir plötzlich Bedeutungen in Dingen, die keine haben. Schädel. Verschneite Wälder.
Ich werde mir selbst ein wenig befremdlich. Mir ist kalt. Ich lege den Schädel zurück, und klettere den Hang weiter hinauf. Oben, wo der Wald zu ende ist, komme ich an ein Feld. Ich überquere es und habe noch ein paar hundert Meter auf den Fußwegen meines Viertels zurückzulegen bis ich zu Hause bin. Meinen Vater würde ich jetzt mit den Worten aufziehen: "Wenn's dunkel wird sieht das anders aus!"

