Die Lösung zum Rätsel
Manchmal kommen Erkenntnisse urplötzlich. Ich habe jetzt eine plausible Erklärung, was das mit dem Fernweh soll.
Ich bin nicht sesshaft geworden. Vielleicht ein bisschen älter. Aber das Fernweh ist wieder da. Heimlich und leise hat es sich eingeschlichen, und mir mit dem Termin seines Erscheinens einiges erklärt.
Ich bekomme immer dann Fernweh, wenn sich nach den längsten Ferien, die das Jahr bietet - den Sommerferien - die Routine des Alltags wieder einstellt. In den Sommerferien gebe ich alles, um viel unterwegs zu sein. Ich gebe tatsächlich mehr Geld für Zugfahrten und Eintrittskarten aus, als für Klamotten. Im Sommer bin ich sehr oft draußen. Ich fahre mit meinen Brüdern und ein paar Freunden an einen See hier in der Nähe, von dessen Existenz ich bis dahin noch gar nicht gewusst habe. Ich verbringe spontan eine Nacht mit meinem Freund im Zelt an einem anderen See. Ich fahre mit dem Rad in den Ruhrpott, und gebe einen Informatik-Kurs in Berlin. Weiter weg bin ich dieses Jahr leider nicht gekommen.
Und dann geht auf einmal die Schule bzw. das Studium wieder los, man sitzt den ganzen Tag drinnen, und draußen wird es so ungemütlich kalt, dass man abends nicht nochmal mit Freunden und Wein in den Park geht. Man geht nach Hause und macht sich den Abend dort so gemütlich wie möglich. Während im Sommer das Chaos im Zimmer egal war (man war ja eh wenig drinnen), stört es jetzt, wenn man vor lauter Wäsche, Taschen und Katzenspielzeug nicht mehr treten kann. Also aufräumen, einfach nur ins Bett knallen, nen Tee oder so machen, und ne Folge Star Trek gucken. Kein Wunder, dass man da Fernweh kriegt.
Das Fernweh wird dann am schlimmsten, wenn man weg will, wenn man Abwechslung und Abendteuer will, andere Menschen, Städte und Konzertlocations sehen will. Das war bis vor Kurzem noch Gang und Gebe. Momentan bin ich morgens bis abends im Lab und sitze dort den ganzen Tag vor dem Rechner. Und abends bin ich zu müde um noch sonderlich viel zu erleben. Die Wochenenden sind der einzige Lichtblick. Aber was ist schon ein Wochenendausflug im Vergleich zu einer wochenlangen Reise?
Wenn ich dort sitze und programmiere, merke ich das nicht. Programmieren ist eine effektivere Ablenkung als körperliche Betätigung. Wenn ich versuche, eine Funktion durch die verschiedensten irrsinnigsten Dinge zum Einsturz zu bringen um Fehler zu entdecken, erfüllt mich das mit einem Flow, den mir nicht mal das joggen Gehen im Kirschbachtal geben kann. Im Gegenteil. Sobald ich außerhalb der Stadt bin, überkommt mich das Fernweh noch viel stärker. Denn dort bin ich mit mir allein. Und ich glaube, meine Mutter ist schuld, dass ich draußen in der Natur mir selbst näher bin als sonst irgendwann. Ich projeziere meine Emotionen in Wald und Flur, und habe das Gefühl, von denen diese Emotionen verstärkt zurück zu bekommen. Vielleicht gerade deshalb, weil es den Bäumen und Sträuchern und den meisten Viechern dort egal ist, ob ich dort bin, und was ich empfinde. So sicher bin ich mir da aber nicht. Ich bin keine Psychologin. Aber da draußen verstärkt sich das Fernweh um ein Vielfaches. Es schmerzt richtig.
Das Fernweh ist dabei keine Suche nach irgendwas, kein Auswandern in dem Sinne, sondern einfach das Verlangen nach persönlicher Freiheit. Deswegen war es auch einiges intensiver, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe. Die Möglichkeit, einfach wegzufahren, wie es einem in den Kram passt. Die Freiheit, sich die abendliche Unterhaltung nicht mit Fernsehen sondern mit tatsächlichen Erlebnissen zu gestalten. Diese Freiheit wird jeden Herbst mit Rückkehr der geregelten Arbeitszeiten beschnitten.
Ich werde morgen weiter Fehler suchen und Funktionen zum Einsturz bringen. Das baut Aggressionen ab und erzeugt Flow. Und abends geh ich schwimmen. Das Schwimmbad ist schön künstlich und abgeschottet von der Umwelt.
Das Wort "Desillusionierung" hat schon an sich einen bitteren Unterton.


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